Mit Ach und Krach am Bach zum Punkrock Holiday - Teil 2

 

Vom Erzgebirge über Umwege nach Slowenien (2)

 

 

25.07.22

 

 

 

Früh am Morgen, nachdem Stefan mir noch Semmeln gebracht hat und ich gefrühstückt habe, verlasse ich Prölsdorf. Mein Ursprungsplan sah vor, nach München zu radeln und von da aus mit dem Zug über die Alpen nach Italien zu fahren. Von da aus soll es schließlich weitergehen zum „Distruggi La Bassa“ Festival nahe Venedig. Jedoch fehlt mir jetzt ein Tag und ich beschließe, nach Nürnberg zu radeln, um von da aus mit dem Zug zu fahren. Also ist mein nächstes Ziel das 75 Kilometer entfernte Nürnberg. Es geht durch die wunderschöne bayrische Provinz. Ich passiere unzählige kleine Dörfer, Bauernhöfe und Sonnenblumenfelder. Das typische Fränkische eben. Es ist sehr warm heute. Ich werde Nürnberg wohl gegen halb vier erreichen. Da mein Zug erst abends um zehn gehen soll, beschließe ich einen Abstecher zu meinen Eltern zu machen. Bei einem Kaffee informiere ich meine Mutter via Telefon und setze kurz darauf meine Reise fort. Etwas früher als geplant erreiche ich Nürnberg und mache einen kurzen Abstecher hinauf zum Schloss. Allerdings ist die Hitze in der Stadt nochmal um einiges intensiver. Deshalb beschließe ich, den Zug zu meinen Eltern zu nehmen. Ich erwische diesen wieder right in time. Allerdings kann ich nur einen Platz im Zwischenabteil des Zugs ergattern. Das macht die 40 Minuten Fahrt zur Hölle. Es ist wie in einer Sauna, nur das dieser „Aufguss“ dazu noch stinkt. Ich bin wirklich froh, als ich den Zug wieder verlassen kann. Pfui Teufel.

 

Bei meinen Eltern angekommen, muss ich feststellen, dass die Hände meiner Mutter extrem geschwollen sind. Sie sagt mir, dass sie vor zwei Stunden von einer Wespe gestochen wurde und allergisch darauf reagiert hat. Dabei hätte sie sterben können, wenn der Notarzt nicht so schnell da gewesen wäre. Krass. So schnell hätte es gehen können. Das lässt mich allerdings meinen Plan verwerfen. Ich entscheide mich, hier über Nacht zu bleiben, falls es noch Nachwirkungen geben sollte. Auch wenn ich nicht viel machen könnte, so fühlt es sich für mich besser an.

 

Ich verwerfe meinen Italien-Plan und cancele das Festival dort komplett. Zumal sie für die Region in den nächsten Tagen 40 Grad Celsius gemeldet haben. Da macht das Radfahren sowieso keinen Spaß. Der neue Plan ist simpel. Ich fahre einfach direkt nach Slowenien. Über die Alpen zum Punkrock Holiday. Das Gute daran ist, dass ich zeitlich so etwas flexibler bin, und es vielleicht sogar noch für einen Abstecher an die slowenische Adriaküste schaffen könnte.

 

Muttern geht es im Laufe des Abends immer besser. Das beruhigt mich. Noch dazu freue ich mich irgendwie über die Planänderung. Irgendwie fühlt es sich so besser an, als mit der langen Zugfahrt zwischendrin. Auch, wenn ich dadurch jetzt über die Alpen radeln muss. Aber irgendwas ist ja immer.... 75 km und 750 Hm.

 


26.07.22

 

 

 

Am nächsten Morgen geht es Muttern schon wieder gut. Wir frühstücken zusammen und ich mache mich danach auf den Weg. Etappenziel für heute ist Regensburg. Über Sulzbach-Rosenberg fahre ich größtenteils auf Radwegen ins nahegelegene, wunderschöne Amberg. Nach einer kurzen Pause und einem netten Gespräch mit einem älteren Herrn, welcher mir seine Weißwurst-Metropole nahebringen will, radele ich weiter bis Schwandorf. Ich kenne die Ecke und kann deshalb gute Meter machen heute. Hinter Schwandorf liegt für mich allerdings Neuland, sieht man von meiner ehemaligen Pendelstrecke, der A93, ab. So passiere ich das traumhaft schöne Kallmünz. Eine kleine Stadt, deren Häuser an Felsen gebaut sind, welche teilweise über die Häuser ragen. Oberhalb thront eine Burgruine und ein Flüsschen rahmt das Ganze ein. Malerisch. Ab hier geht es entlang der Naab weiter Richtung Regensburg. Ich genieße den Fahrtwind und die vorbeiziehende Landschaft. Zwischendurch ein Kaltgetränk und ein Eis. Genau deswegen tu´ ich mir den Scheiß an. Das Leben kann so herrlich einfach sein. Kurz vor Regensburg fließt die Naab in die Donau und vereint beide zu einem stattlichen Fluss. Diesem folgend erreiche ich am späten Nachmittag mein Tagesziel. Ich merke deutlich das mich das tägliche Radfahren fitter macht. Die heutigen 95 Kilometer und 720 Höhenmeter sind ein Klacks und ich könnte locker noch weiterfahren. Aber ich habe vorab einen Zeltplatz in Regensburg, direkt an der Donau und nahe Zentrum, gebucht. Ich will mir am Abend die Stadt noch ein wenig anschauen, da ich das schon längst mal machen wollte. Am Zeltplatz angekommen, checke ich ein und mache mich an den Zeltaufbau. Schnell steht alles. Aus dem Zelt, das meinem am nächsten steht, kommt ein Pärchen, welches sich zu mir auf die nahegelegene Bank gesellt. Während jeder von uns sein Essen zubereitet, kommen wir ins Gespräch. Auch wenn ich mich nicht mehr an ihre Namen erinnern kann, die beiden sind nett und wir ticken ziemlich ähnlich. Deshalb verquassele ich mich und vergesse fast, dass ich mir noch die Stadt anschauen will.

 

 

Ich verabschiede mich von den Beiden sicherheitshalber, da ich nicht weiß, wann ich zurück sein werde. Dann schnappe ich mir die Kamera und radele los in die Innenstadt. Die Stadt ist wieder mal ein komplettes Kontrastprogramm zu den Städten, welche ich auf meiner „Ostseetour“ besucht habe. Hier tobt das Leben. Ein Großteil der Stadt scheint auf den Beinen zu sein. Menschen baden in der Donau, radeln, joggen, sitzen im Park oder in Restaurants. Bayern scheint mehr Spaß zu machen als Brandenburg, denke ich, als ich so dahin radele. Ich selbst stoppe für ein Kaltgetränk und an diversen Fotospots. Ich lasse mich einfach von der Abendstimmung der Stadt berieseln. Jedoch fahre ich eine Stunde später zurück zum Zeltplatz. Ich will nochmal in die Donau springen. Allerdings sitzen da meine namenlosen Nachbarn noch vor dem Zelt und ich verbeiße mich wieder im Gespräch mit den beiden. Und während sich die Zeltwiese beträchtlich mit Gravelbikern füllt, labern wir drei über Gott und die Welt. Meinen Badeplan kann ich in die Tonne kloppen, da es jetzt schon dunkel wird. Aber bei so netten Gesprächspartnern ist das völlig egal. Irgendwann schaffen wir es dann doch, uns voneinander loszureißen und gehen schlafen.

 

 


27.07.22

 

 

 

Um halb acht bin ich wach. Ich nutze das und packe schon einige Sachen zusammen. Meine Nachbarn sind ebenfalls wach und bieten mir einen Kaffee an. Und natürlich, ich Labertasche quatsch mich wieder fest. Irgendwann gegen halb zehn schaffe ich es, aufzubrechen. Die Zwei hatten mir einen Geheimtipp gegeben für einen Campingplatz, auf welchem nur Zelte stehen dürfen. Allerdings in Passau. So gar nicht meine eigentliche Richtung. Aber was soll´s, denke ich. Nach Passau wollte ich schon lange mal wieder. Und der Donauradweg geht eben dahin. Also erneute Planänderung und los. Aufgrund des schönen Wetters probiere ich, die vor mir liegenden 140 Kilometer mit Flipflops an den Füßen zu bewältigen. Es ja schließlich Sommer. Im Allgemeinen verstehe ich sowieso nicht, warum Menschen Klickpedale auf langen Radreisen benutzen. Die meisten benutzen diese, um schneller fahren zu können. Das macht aber auf einer Radreise, bei der man Land und Leute genießen will, für mich keinen Sinn. Aber leben und leben lassen. Meine Füße jedenfalls freuen sich extrem über den Fahrtwind, der ihnen entgegenweht.

 

 

Der Donauradweg ist sehr schön und abwechslungsreich. Ich bin aber nicht der Einzige, der zu dieser Erkenntnis kommt an diesem Tag. Es sind schon recht viele Radfahrer unterwegs. Überwiegend natürlich E-Biker. Aber das ist man ja mittlerweile gewöhnt.

 

Auf dem Weg nach Wörth geht es vorbei an der Walhalla, welche links oberhalb der Donau thront und die gut besucht ist. Kurz muss ich dabei an „Ossi- Ronny“ am Nagelsee denken. Der Spinner weiß wahrscheinlich nicht mal, wo die Walhalla zu finden ist. In Wörth stoppe ich kurz, um mir ein paar Snacks und Riegel zu kaufen. Danach fahre ich weiter nach Deggendorf und Straubing. Der Radweg ist sehr gut ausgebaut und führt mich meist abseits der großen Straßen durch Dörfer und über Dammkronen entlang der Donau. Hier und da lege ich Stopps ein. Mal für einen Kaffee, mal für ein Kaltgetränk. Ich komme erneut gut voran. Einzig die Hitze nervt etwas. Aber mit meiner Fußbekleidung komme ich gut klar. Nix schmerzt. So erreiche ich mein heutige Tagesziel, mit heilen Füßen und ohne besondere Vorkommnisse. Der Zeltplatz liegt direkt an der Donau und ist tatsächlich auch nur für Zelte gedacht. Trotzdem ist er recht gut besucht. In Bayern scheint man dem Gravelbike- und Bikepackingtrend verfallen zu sein. Einerseits doof, wenn das gefühlt jeder macht. Andererseits schön, dass viele mal das Auto stehen lassen und ihren Urlaub auf andere Art genießen.

 

Bevor noch mehr Radler kommen, sichere ich mir eine schöne Stelle, baue mein Zelt auf und nehme eine Dusche. Am zeltplatzeigenen Imbiss gönne ich mir eine Pizza und zwei Kaltgetränke.

 

Stolz auf die in Flipflops, gefahrenen Kilometer lege ich mich kurze Zeit später zufrieden in mein Zelt und schlafe ein.

 

 


28.07.22

 

 

 

Ich gehe es heute Morgen entspannt an. Gemütlich baue ich mein Zelt ab und packe alle meine Sachen zusammen. Auch wenn die Handgriffe schon zur Routine geworden sind, habe ich es trotzdem nicht eilig. Ziel heute ist Salzburg, auch wenn das echt noch weit ist. Ich will mir da ein Zimmer nehmen. Gefunden habe ich zwar bisher noch keines, aber ich werde schon eins finden, denke ich mir. Als ich alles zusammengepackt habe, radle ich los. Wieder in Flipflops natürlich. Wenn schon, denn schon. Ich mache einen kurzen Abstecher in die Stadt. Eigentlich hatte ich vor, da zu frühstücken. Als ich aber vor dem vermeintlich einzigen Bäcker eine Schlange anstehender Radfahrer sehe, verwerfe ich diesen Plan. Eine groteske und wie ich finde lustige Szenerie. Alle sehen aus wie aus Werbeprospekten namhafter Radbekleidungshersteller, uniformiert und plakatiert wie eine Litfaßsäule, mit den Logos eben jener Firmen. Die Räder sind komplett bestückt (ausnahmslos) mit Bikepacking-Taschen von Ortlieb. Als gäbe es nichts anderes. Und als gäbe es nichts anderes beim Bäcker, haben alle Mitglieder der „Ortlieb Army“ einen Kaffee und eine Butterbrezel in der Hand. Individualität scheint hier nicht erwünscht. Aber Jedem das Seine.

 

Ich verlasse die Stadt und beschließe, irgendwo unterwegs zu frühstücken. Ich wechsele die Flussseite, und zack, bin ich in Österreich. Nicht schlecht, denke ich und radle weiter. Ich werde heute noch einige Male die Flussseite wechseln, und somit immer zwischen Österreich und Deutschland hin und her switchen. Und so befinde ich mich kurze Zeit später in einem kleinen Café wieder auf deutscher Seite – immerhin bei veganer Butterbrezel und Kaffee!

 

Nach dem Frühstück geht es weiter dem Inn folgend, über Berg und Tal über teils steile Anstiege. Allerdings ist es heute landschaftlich so ein wenig lala. Ich befinde mich halt größtenteils am Fluss. Große Passagen lege ich dabei auf dem Dammweg zurück. Ich fahre dabei ca. 25 Kilometer auf einem Schotterweg auf der Dammkrone. Links und rechts sieht es dabei die ganze Zeit gleich aus. So holpere ich bei 34 Grad im Schatten über den groben Schotter des Dammwegs und habe davon Dammweh. Etwas Abwechslung bringen die danach folgenden Städte wie Braunau, wo ich zu Mittag esse oder später auf dem Weg Burghausen, wo es Kaffee und veganes Eis für mich gibt. Allerdings ist die Salzach, welcher ich seit Braunau folge, zwar ein sehr schöner Fluss, aber als Radfahrer eher unspektakulär. Aber was soll´s, ich wollte es ja so. Also weiter.

 

 

Meinen Plan mit Salzburg verwerfe ich ebenfalls. Erstens schaff ich das heute nicht mehr und noch dazu sind alle verfügbaren Zimmer … scheiße … teuer. Es ist obendrein immer noch sehr warm. Ich mache einen Campingplatz in Tittmoning ausfindig, rufe den Betreiber an und sichere mir einen Platz. Allerdings solle ich bitte bis 20.00 Uhr da sein. Dabei ist es bereits 18.30 Uhr und ich habe noch 15 Kilometer vor mir, welche nicht gerade einfacher werden, als ich auf einen Singletrail entlang des Flussufers abbiegen muss. Na klasse. Der einzige Weg ist ab nun 50 Zentimeter breit und schlängelt sich fünf Kilometer lang über Stock und Stein, entlang des Ufers. Auf Komoot wird er mir als Wanderweg angezeigt. Das sagt alles. Hinzu kommt, dass mir Komoot vorhersagt, das am Ende des Weges noch 300 Höhenmeter auf zwei Kilometern Entfernung warten. Mein Endgegner also. Und so ist es auch. Froh, den Singletrail hinter mir zu haben, darf ich mich über bis zu 15%ige Steigungen hinauf quälen zum Zeltplatz. Ich schwitze, fluche und verdamme jedes besch... Auto, dass mich überholt. Aber es hilft nix. Ich habe keine Alternative und muss da hoch.

 

Ich schaffe es wieder einmal right in time. Völlig verschwitzt stehe ich um 19.57 Uhr am Eingang des Zeltplatzes. Der Betreiber ist sehr nett und weist mir einen Platz zu. Ein sehr schöner Campingplatz direkt an einem kleinen romantischen See. Ich nutze die Gelegenheit und springe sofort nach dem Zeltaufbau in den einladenden kleinen Teich. Herrlich. Baden im Sonnenuntergang auf einem Zeltplatz irgendwo im Nirgendwo.

 

Zum Abschluss entlasse ich aus dem Automaten um die Ecke zwei Kaltgetränke in die Freiheit. Übrigens der erste Automat, den ich sehe, an dem man sich einzelne Kartoffeln, Seife und auch eine Zahnbürste ziehen kann. Was es nicht alles gibt.... 115 km und 1100 Hm

 

 

29.07.22

 

 

 

Ich erwache gegen acht. Ich nehme mir erneut Zeit, um meine Sachen zu packen. Die Nachbarin, mit welcher ich abends zuvor schon kurz ins Gespräch gekommen bin, fragt mich ob ich einen Kaffee möchte. Das Angebot nehme ich gern an. Ich geselle mich zu ihr und wir kommen ins Gespräch. Wie bei dem netten Ehepaar ins Regensburg kommen wir im Gespräch von einem Thema zum nächsten. Wir quatschen über Gott und die Welt. Und schließlich werden aus einem Kaffee dann drei und die Zeit rast dahin. Im Gespräch erfahre ich von ihr, dass sie hier fast jedes Jahr ist, und das seit Kindheitstagen. Sie erzählt mir, dass sie ab und an in einer Pension 500 Meter vom Zeltplatz übernachtet hat, da diese nur 25 Euro mit Frühstück kostete und wahrscheinlich auch noch kostet. Das weckt meine Neugier. Für heute ist sowieso Regen angesagt, als warum nicht ´nen Tag Pause einlegen? Ich überprüfe das mit der Pension und zu meiner Freude ist ein Zimmer frei und kostet tatsächlich nur die besagten 25 Euro mit Frühstück. Also Deal. Ich muss nur bis 14.00 Uhr warten, um mein Zimmer zu beziehen. Das ist aber mit der Gesprächspartnerin und dem nicht ausgehen wollenden Gesprächsstoff kein Problem.

 

Ich verabschiede mich von meiner netten Nachbarin und radele zur Pension. Die Vermieterin ist sehr nett, zeigt mir alles und erklärt mir, wo ich einkaufen könne. Das ist auch das Einzige, was ich heute noch vorhabe. Also setze ich mich auf meinen Drahtesel und rolle hinunter in die Stadt Tittmoning. Ich gehe einkaufen, schau mir die Stadt kurz an und gönne mir eine vietnamesische Suppe. Danach mache ich mich wieder auf den Weg hinauf zu meiner Unterkunft. Und heute, wo ich etwas entspannter bin, ist der Weg hinauf auch gar nicht mehr so schlimm.

 

Oben angekommen, beschließe ich nochmal ich den See zu springen, bevor der besagte Regen dann wahrscheinlich doch kommt. Also los, Buch und Handtuch eingepackt und los. Es ist gefühlt der perfekte freie Tag. Und ich komme eigentlich das erste Mal zum Lesen. Die Zeit vergeht und schnell wird es Abend. Ich verfalle in ein erneutes, allerdings nicht so ewiges Gespräch mit meiner Zeltplatznachbarin. Jedoch verabschiede ich mich gegen acht Uhr, um zurück zur Unterkunft zu fahren. Es steht Regen am Himmel und ich will zeitig ins Bett. Und genau das passiert dann auch.

 


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