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Uganda mit Skate Aid 23 - Teil 2

Mit einem leichten Kopfschmerz erwache ich am nächsten Morgen. Auch wenn ich nicht wirklich
betrunken war, so habe ich trotzdem ein anständiges Hangover. Beim gemeinsamen Frühstück im Camp besprechen wir noch einige Details für den Tag. Frisch gestärkt und sicherheitshalber mit Paracetamol bewaffnet machen wir uns auf den Weg. Wir fahren zuerst wieder durch Adjumani Stadt und weiter über das Netz aus roten Wegen. Immer weiter hinaus, vorbei an unzähligen Lehmhütten und Siedlungen. Da ist das Afrika vom dem alle immer so schwärmen, sogleich das auch nur eine Fassade ist, hinter der sich viel Elend und Not verbirgt. Die Sonne scheint und es verspricht, ein heißer Tag zu werden. Gut durchgeschüttelt erreichen wir 45 Minuten später unser erstes Ziel: ein Camp, dass wir am Vortag auch schon besichtigt hatten. Wieder werden wir am Eingang von unzähligen Kindern in Empfang genommen. Und natürlich weiß ich, was mich
erwartet, wenn ich die Tür unseres Minibusses öffne. Und genau wie erwartet fallen die Kids
förmlich über mich her und versuchen mich erneut von der „Farbe auf meiner Haut“ zu befreien.
Umzingelt von den Würmern begebe ich mich zur Miniramp, welche bereits von unseren Buddys
aus Kampala aufgebaut wurde. In diesem Camp werden wir zwei Stationen betreiben. Zum einem
die Miniramp und zum anderen gibt es eine kleine, halboffene Hütte mit einem Betonboden,
welcher sich für erste Skateversuche bestens eignet.
Heute sind auch Iris und einige andere Personen vom UNHCR mit vor Ort, um das Ganze, was ihr
vom gestrigen Tag berichtet wurde, selbst live sehen zu können. Ein Mitarbeiter einer anderen non - governmental organization, welche ich diesem Camp tätig ist, koordiniert die Kids. Sie sollen sich
zuerst um die Miniramp versammeln, wo unsere Vorführung starten wird. Er hat die Kids super im
Griff und so können wir ohne Verzögerung loslegen. Und na klar, das gleiche Bild wie gestern. Die
Kids sind vollauf begeistert und feiern unsere Skater lautstark. Auch Gabu lässt es sich nicht
nehmen, etwas seiner Künste zum Besten zu geben. Die Kids lieben ihn und ich bekomme schon
wieder feuchte Augen. Es ist einfach berührend.

Nach der kurzen Vorführung gehen wir wieder dazu über, die Kids selbst probieren zu lassen. Der
Moderator der Veranstaltung teilt sie dazu in Gruppen ein. So kann sich die eine Gruppe mit Hilfe
unsere Jungs und Mädels an der Miniramp versuchen, und die andere erste Skateversuche in der nahegelegenen Hütte unternehmen. Und was soll ich groß sagen.... natürlich haben die Kids eine
Menge Spaß. Das war ja klar. Was sich beobachten lässt, ist, dass die meisten ziemlich taff sind.
Wer schon mal ein „herrenlosen“ Brett mit Schwung an den Knöchel bekommen hat, weiß, wie weh
das tut. Diese Kids verziehen keine Miene wenn ihnen das passiert. Das lässt mich erschaudern. Ich
möchte mir nicht ausmalen, was die bereits erlebt oder durchgemacht haben müssen. Das ist ein
ziemlich heftiger Moment. Doch wichtiger ist, was hier gerade passiert. Es sind Kinder und sie
dürfen wahrscheinlich das erste Mal in ihrem Leben so richtig Kind sein und vergessen für einen
Moment ihren schweren Alltag. Genauso schön ist es, zu sehen wie hingebungsvoll sich unsere
Volontäre, die selber aus einem Slum kommen und fast nichts haben, um diese Kids hier kümmern.
Wut steigt gleichzeitig in mir auf, wenn ich darüber nachdenke über welche belanglosen Dinge zu
Hause die meisten schimpfen und sich aufregen. Uns geht es scheiße gut, Punkt! Vielen
wahrscheinlich sogar zu gut. Ich verwerfe diese negativen Gedanken jedoch schnell, weil diese mir
nicht die Schönheit dieses Augenblicks versauen sollen. Ich pendle mit meiner Kamera einfach
zwischen den beiden Stationen und den Spielplätzen im Camp, um zu versuchen, die Stimmung einzufangen. Auch hier beenden wir das Ganze nach ca. 2 Stunden. Einzig die mitgebrachten
Musikboxen lassen wir noch kurz stehen, da Gabu und Co. zusammen mit den Kids noch tanzen.
Die Stimmung ist einzigartig und eigentlich möchte keiner fort. Doch wir haben noch eine weitere
Vorführung und müssen leider los. Schweren Herzens und unter dem Winken und Rufen der Kids
verlassen wir kurz nach Mittag das Camp.

Es folgt ein kurzes gemeinsames Mittagessen in Adjumani Stadt. Danach brechen wir erneut auf,
um zum Ort unserer dritten und letzten Vorführung zu fahren. Der Weg führt erneut über die typischen
Wege weit hinaus aus Adjumani. Etwa 15 Kilometer später stoppen wir an unserem Ziel, einer
weiteren Schule mit großem Gelände und einem weiteren Basketballfeld. Hier sind nicht so viele
Kids – das wird sich aber noch ändern. Sofort machen wir uns daran, die Miniramp und die
Obstacles aufzubauen. Währenddessen kommen immer mehr neugierige Zuschauer. Nachdem wir fertig sind mit dem Aufbauen, erklären wir den Anwesenden nochmals wer wir sind und was wir machen. Dann starten wir. Auch wenn es etwas weniger und vor allem viele ältere Kids sind, so feiern die Anwesenden unser Treiben natürlich wieder frenetisch. Es ist eben, was es ist, Sport, Spiel und Spaß. Und das genau das so ziemlich überall auf der Welt funktioniert, wissen wir ja mittlerweile. Auch die UNHCR Mitarbeiter sind erneut begeistert. Immer mehr Menschen, jung und alt kommen dazu, um sich anzuschauen was da vor sich geht. Trotz extremer Wärme, die uns fast in die Knie zwingt, haben alle riesigen Spaß. Nach etwa zwei Stunden beschließen wir dann, alles wieder zusammenzupacken und uns zu einer finalen Besprechung im nahegelegenen Schulgebäude einzufinden. Wie bereits erwähnt sind alle ziemlich beeindruckt von dem, was da die letzten beiden Tage passiert ist. Beantwortet sind Fragen wie „Warum Skateboarden?“. Nun müsse man überlegen, wie man das Ganze in irgendeiner Form in die Stettlements integrieren könne, so das möglichst viele Kids dieses nutzen können. Auch müsse geklärt werden, wie man die Kids versichern könne, bzw. eventuell entstehende Verletzungen behandeln würde. Ein ernsthaftes, jedoch lösbares Problem. Man wolle sich in den nächsten Tagen und Wochen Gedanken dazu machen. Auch über eventuelle Kooperationen mit potentiellen Partner wie Artolution und wie man diese integrieren
könne. Aber das wären die kleinsten Sorgen. Das würde sich schon finden.

So verlassen wir den letzten Ort, mit dem bekannten Winken und Schreien der Kinder und einem guten Gefühl in Richtung Zukunft. So fahren wir zufrieden zurück ins Camp. Und noch am Abend möchte Iris sich noch einmal mit uns treffen, um nochmal in Ruhe nur mit uns zu reden. Dabei wird sie uns mitteilen, dass sie ein Pilotprojekt mit drei mobilen Skatecontainern, in denen sich Obstacles und die gesamte Ausrüstung befindet, in Angriff nehmen möchte. Allerdings müssten die bereits erwähnten Details, wie Versicherung und ärztliche Versorgung im Falle eines Sturzes noch final ausgearbeitet werden. Und je nach dem, wie das Pilotprojekt über einen längeren Zeitraum laufen werde, könne man überlegen, wie man das Projekt erweitert oder weitere solcher Projekte starten könne. Wow! Das ist mehr, als wir erwartet hatten. Und das birgt Hoffnungen, in der Zukunft hier noch mehr machen zu können. Darauf müssen wir dann tatsächlich mal anstoßen.
Der weitere Abend läuft recht entspannt, da wir alle etwas platt sind und jeder damit zu tun hat, das
Erlebte zu verarbeiten. Außerdem wollen wir morgen früh rechtzeitig aufbrechen, es geht zurück
nach Kampala.

Um 6:30 Uhr am Morgen ist die Nacht vorbei. Ich mache mich fertig und packe meine Sachen
zusammen. Wir treffen uns noch einmal zum Frühstück im Camp, bevor wir alles ins Auto laden und uns auf den Rückweg machen. Wir werden jedoch noch einen kleinen Zwischenstopp in Gulu machen, um uns mit den dortigen Skatern für eine kleine Session zu treffen. Etwas wehmütig und in
Gedanken versunken sinke ich bei Verlassen von Adjumani in den Beifahrersitz unseres Taxis. Ein
letzter Blick auf die Berge am Horizont und die vorbeiziehenden Ansammlungen von Lehmhütten.
Am Straßenrand schleppen im Morgengrauen wieder unzählige Menschen alles mögliche von A
nach B. Ich liege halb im Sitz, den nackten Fuß am offenen Fenster. So bin ich eigentlich schwer zu
sehen. Nicht hier jedoch. Unser Bus wird sofort wieder als Touribus ausgemacht und der tätowierte
Mosungo auf dem Beifahrersitz sofort entdeckt. Ich wurde echt noch nie so oft gegrüßt. Und das
von völlig fremden Menschen. Unvorstellbar, dass das jemand daheim in Deutschland machen
würde.

Gulu ist gegen zehn erreicht. Schnell bauen wir alles, inklusive der Miniramp, für die Session auf.
Sonnencreme auftragen, Kameras und Boards „scharf“ gemacht und los geht es. Charlotte und
Nelson, die Gründer der Gulu Skateboard Community, haben Longboards dabei. Von denen
schnappe ich mir eins, und cruise damit umher, um die anderen zu fotografieren. Auch hier füllt sich
der Platz zunehmend mit Kids. Sie greifen sich abwechselnd die verbleibenden Boards und rollen
umher. Wer nicht skatet, hilft anderen bei ihren ersten Versuchen, oder beobachtet das Ganze von
Außen. Gabu, Hugo und unsere Jungs und Mädels aus Kampala probieren ihre Tricks an den Rails
und einer Treppe. An dieser arbeiten sich die Jungs richtig ab. Dabei geben Nelson und Richard
richtig Gas und zerstören sich selbst fast daran. Die Stimmung ist sehr gut. Einzig die Sonne drückt
wie verrückt. Deshalb ist die Session vier Stunden später auch schon wieder vorbei. Nachdem alles
wieder verladen ist, verabschieden wir uns aus Gulu. Ungefähr vier Stunden werden wir bis
Kampala nochmals unterwegs sein. Vier Stunden, in denen ich wieder unglaublich oft gegrüßt
werde und neue Möglichkeiten des Überholens kennenlernen darf. Aber wie gesagt, Asaad ist ein
guter Fahrer und bringt uns sicher zurück in die Hauptstadt Ugandas. Dort, wo die Vororte dieser
losgehen, schließe ich das Seitenfenster des Autos. In dem dichten Verkehr sei es zu verlockend,
Sachen wie Handys oder Kameras, im Vorbeilaufen direkt aus der Hand zu klauen, so erklärt mir
Peter. Und klar hat er recht. Schließlich stehen wir hier mehr im Stau als dass es vorwärts geht.
Rushhour again. Irgendwie hat das nicht gefehlt. Doch irgendwie mogeln wir uns über einige
Abkürzungen bis zu Hugos und Lucias Wohnung durch. Dort setzen wir die beiden, Gabu, Peter
und Helen ab. Gabu wird noch eine Nacht hier bleiben, Peter und Helen wohnen um die Ecke und
Tobi und ich fahren ins Red Chili Hotel, wo wir die nächsten Tage schlafen werden.

Viel passiert auch nach erreichen des Hotels nicht mehr, da wir beide erschlagen sind von dem Tag.
Der kommende Morgen startet mit einer kleinen Schwimmeinheit im Hotelpool. Außer mir ist
keiner da. Und der Sonnenaufgang ist wie aus dem Bilderbuch. Was für ein schöner, ruhiger
Moment. Nach den letzten Tagen tut das irgendwie gut. Zugleich bin ich allerdings auch einfach nur
dankbar für alles, was ich habe und mir leisten kann. Was für ein Glück wir doch haben, in
Deutschland geboren worden zu sein, mit all seinen Sicherheiten und dem ganzen Luxus, den
eigentlich keiner braucht. Nur weiß das keiner mehr zu schätzen. Und natürlich mache ich mir auch
Gedanken darüber, warum ausgerechnet ich derjenige bin, der sich jetzt hier im Pool Gedanken
machen kann über arm und reich. Und warum es andere nicht können. Zumal auch ich nichts dazu
beigetragen habe, das ich in Deutschland geboren wurde. Mit solchen Gedanken bekommen meine
Bahnen im Hotelpool einen faden Beigeschmack, auch wenn das Red Chili alles andere ist als ein
Luxushotel. Ein Mittel zum Zweck, nicht mehr und nicht weniger. Und im Slum zu schlafen wäre
zwar angemessener, aber mit unserer gesamten Ausrüstung auch ziemlich leichtsinnig und
gefährlich. Außerdem kann ich mir das ja leisten und liege damit niemanden auf Tasche.

Danach gehe ich frühstücken und mache mir nebenbei einige Notizen über das Erlebte. Am
Nachmittag bzw. frühen Abend werden Maik, der CSO von Skate Aid, sowie ein zweiköpfiges
Filmteam eintreffen und ebenfalls hier übernachten. Gabu wird auch hierher kommen, damit wir täglich gemeinsam zwischen Skatepark und Hotel pendeln können. Einige Tage später wird dann auch Titus Dittmann noch aus Deutschland anreisen, um Szenen für einen Imagefilm für einen großen Sponsor von Skate Aid zu drehen. Außerdem wird er noch offiziell die vor Kurzem fertiggestellte Bibliothek des Skateparks feierlich eröffnen. Bis zum Abend passiert auch wirklich nichts mehr, außer zu chillen und zu lesen. Irgendwann am späten Abend, drei Stunden später als geplant, treffen alle andern dann im Hotel ein. Ich freue mich, Maik wiederzusehen, den ich von anderen Projekten kenne. Sarah und Raphael, die beiden Videofilmer stellen sich auch als nette Zeitgenossen heraus. Es gibt viel zu erzählen beiderseits.
Glücklicherweise hatten wir ihnen noch Abendessen machen lassen, so das sie nach ihrer langen Reise noch eine Kleinigkeit in den Magen bekommen. Dazu gibt es noch ein, zwei Getränke.
Irgendwann siegt die Müdigkeit der Reisegruppe und wir brechen für heute hier ab.
Die nächsten beiden Tage fasse ich etwas kürzer zusammen, da es eher entspannte Tage, geprägt
vom fotografieren und filmen: Frühstücken, Kameras und Ausrüstung vorbereiten, auf das Taxi warten und in den Park fahren. Dort alles zusammen bauen und filmen bzw. fotografieren was so passiert. Für mich heißt das aber auch, viele Gespräche mit den Jungs und Mädels führen. Mich interessiert, wer wer ist, wo sie herkommen und was jede/r von ihnen so macht. Ich genieße es, z.B. mit Nelson und Helen in der Bibliothek zu sitzen und uns gegenseitig unsere Welten zu erklären.
Oder Artman zu beobachten, wie er aus alten Dingen Neues schafft, beispielsweise eine Bank aus
alten Skatedecks. Außerdem zeigt er den Kids, wie man Werkzeuge benutzt und was man damit
alles bauen kann. Oder auch Texus, der hinter der Bibliothek eine kleine Näherei betreibt, in der er
Klamotten repariert, oder von ihm „gepimpt“ zum Verkauf anbietet. Am späten Nachmittag kann
man ihm dann im Park beim Breakdance-Unterricht mit den Kiddies oder seiner Crew beobachten.
Irgendeine Aufgabe haben die meisten hier. Und das ist genau das, was der Park verändert hat, seit
er da ist. So vieles ist dadurch entstanden.
Sarah und Raphael filmen alles, was sie vor die Linsen bekommen und sind mit ihren Kameras
immer sofort ein Magnet. Ständig sind sie umringt von kleinen und größeren Kindern, welche sofort
jede neu aufgenommenen Sequenz auf dem Display der Kamera begutachten wollen. Dabei nehmen
sie fast keine Rücksicht auf die beiden Filmer. Gegen 16:00 Uhr startet dann der bereits erwähnte
tägliche Ablauf der Skater. Erst die Kleinen, dann die Größeren. Das ist Maiks Zeit, der ein sehr
guter, und leidenschaftlicher Skatefotograf ist. Bewaffnet mit Kamera und Blitzen animiert er die
Skater einen um den anderen guten Trick zur Schau zu stellen. Vor allem zur blauen Stunde, kurz
nachdem die Sonne untergegangen ist, und das Licht gleichmäßiger ist, ist er kaum noch zu
bremsen. Tobi und ich versuchen uns an allem Möglichen, was man knipsen kann. Wir versuchen
beide die Stimmung und die Gesichter des Parks einzufangen. Etwas nach Einbruch der Dunkelheit
wird es dann etwas ruhiger für uns Fotoheinis. Zwar gibt es jetzt Licht im Park, aber zum fotografieren ist es immer noch etwas dunkel. Außerdem ist noch viel zu viel los und somit die Gefahr eines Unfalls im Halbdunklen ziemlich groß für uns. Wir gesellen uns zu den Einheimischen und gönnen uns das ein oder andere Getränk.
Am zweiten Abend, dem Abend vor der Eröffnung, kocht Mama Jackie, Jacks Frau für uns alle.
Dazu werden im Skatepark Tische und Stühle zu einer großen Tafel zusammen gestellt, an der wir
dann alle gemeinsam essen. Im Hintergrund tönt das Klackern der Skateboardrollen. Was für ein Erlebnis. Wir sitzen mitten in einem Slum in Kampala in Uganda, lachen, trinken und essen zusammen mit Freunden zu Abend. Diese Menschen haben wenig und geben alles. Erneut macht sich da Demut bei mir breit.

Später an diesem Abend, als alle zurück zum Hotel wollen, beschließen Gabu und ich, noch zu
bleiben. Wir haben zusammen mit Nelson Blätter einer einheimischen Pflanze zusammen mit
Kaugummi gekaut, und deren Wirkung setzt nun ein. Das heißt, wir sind einfach nur wach und gut
drauf. An Schlaf ist gerade nicht zu denken. Die Pflanze, deren Namen ich vergessen habe, ist legal
und wird von vielen hier gekaut. Ich hatte mich breitschlagen lassen, es wenigstens einmal zu
probieren. Jetzt sitze ich hier, habe einen grünen Brei im Mund und bin putzmunter. So sitzen wir
drei mit Jack und Peter hier noch bis 1:00 Uhr, bevor Gabu und ich uns dazu entscheiden, mit Jacks
Motorrad zum Hotel zu fahren. Das ist die nächste bizarre Situation für mich mit diesem verrückten
Spanier. Zwei Weißbrote, die nachts mit dem Motorrad laut knatternd durch einen Slum im Moloch von Kampala brettern. Definitiv nichts, was mit einem Pauschalurlaub vergleichbar ist. Aber was soll´s, wenigstens lasse ich mir noch einen Helm geben, um nicht gleich erkannt zu werden. Und vielleicht auch für den Fall eines Sturzes. Aber mein Motorradpilot bringt uns unfallfrei zu unserem Hotel. Dort versacken wir noch – dank der anhaltenden Wirkung der Pflanze – bis tief in die Nacht und philosophieren über alles mögliche.

Spät einschlafen heißt heute morgen auch spät erwachen. Aber zum Glück ist bis zum Mittag nichts
geplant. Der Tag steht im Zeichen der offiziellen Einweihung der neuen Bibliothek durch Titus.
Doch auch er musste kurzfristig auf einen anderen Flug ausweichen und kommt ebenfalls erst am
Nachmittag an. Trotzdem fahren wir kurz nach dem Mittag bereits zum Park, um einiges mit
vorzubereiten. Noch ist es im Park verhältnismäßig ruhig. Alex, der lokale Graffitisprayer, hat am
Morgen noch ein neues Bild an der Wand der Bowl fertiggestellt und ein Schweißer macht gerade
die letzten Rails fertig. Die Bibliothek wird auch gerade noch fertig dekoriert und Texus übt gerade
noch mit seiner Breakdance Crew deren Performance. In der Halfpipe tollt wie immer eine Horde Halbwüchsiger. Sarah und Raphael filmen das Ganze, was natürlich zur Folge hat, dass die Kids einen Blick auf die gerade eingefangenen, bewegten Bilder erhaschen wollen. Dadurch ergeben sich wiederum für mich gute Bilder und ich halte diese Momente fest. Die Zeit rennt nur so dahin und bis zur Eröffnungsfeier ist es nicht mehr lange.
Irgendwann zwischen vier und fünf geht man dazu über, die Eröffnungsfeier zu starten, auch wenn
Titus den Park noch nicht erreicht hat. Natürlich hängt er im Taxi im Berufsverkehr der ugandischen
Hauptstadt fest.
Alle versammeln sich um die Halfpipe des Parks. Es sind gut und gerne 200 Leute gekommen. Als
Erstes spricht der Bürgermeister ein paar Worte und singt die Nationalhymne. Danach ist Cindy von
der Uganda Skateboard Community an der Reihe, ein paar Worte zum Bau und der Wichtigkeit der
Bibliothek zu verlieren. Danach moderiert sie durch das weitere Programm. Als erste Showeinlage
tanzt eine traditionelle Tanzgruppe die landestypischen Tänze. Tanzen können sie hier definitiv.
Etwas, was nicht meine Paradedisziplin ist. Und das darf ich kurze Zeit später auch allen beweisen.
Tobi und ich werden unfreiwillig zum Teil der Show. Wir bekommen schwarzen Fellpuschel um die
Hüften geschnallt, und werden aufgefordert, mitzutanzen. Erst will ich mich weigern, aber dann
lasse ich es einfach geschehen. Schließlich geht es um die Kids. Und wenn ich diese mit meiner
Performance zum Lachen bringen kann, dann hat es doch was Gutes. Und wie sie lachen. Alle. Mit
meiner Tanzkunst hätte es bei Dirty Dancing nicht mal für den Hausmeisterposten gereicht. Aber
drauf geschissen. Hier geht es nicht um mich. Außerdem muss ich ja selber lachen. Sieben Minuten können aber auch wirklich lang sein.

Danach geht es weiter im Programm. Einige der Skater ziehen unter dem Jubel der Zuschauer ihre
Bahnen in der Halfpipe, bevor es dann weiter geht mit der offiziellen Eröffnung der Bibliothek.
Symbolisch wird dazu ein Band durchgeschnitten und die Kids stürmen hinein in die Bibliothek.
Ein paar kurze Worte später verlassen alle in einer Art Polonaise das Gebäude und tanzen durch den
Park. Die Stimmung ist prächtig und alle genießen das Treiben. Tobi und Gabu richten in Titus´
Abwesenheit ein paar Worte an alle versammelten. Jetzt sind Texus und seine Crew dran. Aus den
Boxen hallen nun laute Hip Hop Beats, während einer nach dem anderen seine Breakdancemoves
zum Besten gibt. Auch Gabu, bei dem man immer das Gefühl hat, dass er alle kann, reiht sich mit
ein und zaubert den Anwesenden ein Lachen auf die Gesichter. Immer enger wird der Kreis um die
Tanzenden und immer ausgefallener deren Performance, bis das Ganze in ein Hip Hop-Battle der älteren Jugendlichen übergeht. Selbst der schüchtern wirkende Artman, der Gärtner und
Hausmeister des Parks, zeigt, was in ihm steckt – und, dass alle außer mir hier tanzen können. Und
während sich in einer Ecke verbal gebattled wird, ziehen die Skater im Rest des Parks ihre Kreise.
Was für ein fantastischer Moment. Man vergisst, dass man sich gerade inmitten eines bettelarmen
Slums befindet. Und jetzt, beim Einbruch der Dunkelheit erreicht auch Titus endlich den Park. Sein Reisemartyrium sieht man ihm allerdings nicht an. Oder er überspielt es gut. Sofort nach einem
kurzen Hallo zu allen wird er in die Bibliothek eingeladen, wo eine kleine Überraschung auf ihn
wartet. Helen hat eine Torte für ihn gebacken. Er bedankt sich, richtet ein paar Worte an die
Anwesenden und schneidet zusammen mit Helen die Torte in Stücke, um sie unter den Kindern zu
verteilen.

Jack und ein paar Jungs haben derweilen oben auf der Terrasse Tische aufgestellt, eingedeckt und
Mama Jackie hat Essen für uns alle gekocht. Erneut so eine surreale Situation. Als wäre es das
normalste auf der Welt, sitzen wir auf der Terrasse bzw. dem Dach der Bibliothek, mit Blick über
den Skatepark und essen zu Abend. Und das Beste: wir alles sitzen hier als Freunde zusammen.
Kein Jammern und keine dämlichen Gespräche über Politik oder Gesinnung. Das ist einfach unbezahlbar. Und ich würde mir manchmal mehr davon zu Hause in Deutschland wünschen. Egal. Ich genieße einfach den Moment.
Es wird ein langer Abend, an dem noch viel getanzt wird. Doch irgendwann endet auch mein letzter
Abend mit diesen tollen Menschen und wir müssen voller Wehmut aufbrechen. Maik und ich
werden morgen Mittag zurück nach Hause fliegen. Gabu, Tobi, Sarah, Raphael und Titus werden
einige Tage später folgen.

Der letzte Morgen wird unspektakulär. Alles läuft nach Plan und der Rückweg wird bis auf eine
längere Wartezeit an der Gepäckausgabe in Frankfurt ohne Komplikationen verlaufen. Und so bin ich nach zwei Stunden Taxifahrt, 15 Stunden Flug, drei Stunden Zug und vier Stunden Autofahrt wieder zurück im Harz. Der komplette Kulturschock in die umgekehrte Richtung.
Fakt ist, dass ich nicht das letzte Mal in Uganda war und sicher auch nicht das letzte Mal mit Skate
Aid unterwegs war. Gabu und Tobi werde ich sowieso in vier Wochen beim Punkrock Holiday in
Slowenien sehen, wo ich ihnen einen Standplatz für ihr Skate Aid-Zelt besorgen konnte. Darauf freue ich mich jetzt schon ..… und wer weiß was noch so kommt ;)

 

Danke für eure Zeit

 

Kuckuck

 

 

Hier nochmals ein paar mehr Bilder....

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